Ein Kurs wie aus dem Jahr 2023
Ethereum durchlebt die schwerste Phase seit dem Bärenmarkt 2022. Die zweitgrößte Kryptowährung wird nach Daten von Yahoo Finance nahe 1.730 US-Dollar gehandelt – ein Niveau, das zuletzt im März 2023 erreicht wurde. Vom Allzeithoch bei knapp 4.950 US-Dollar aus dem August 2025 hat ETH damit rund 65 Prozent verloren. Seit Jahresbeginn steht ein Minus von fast 42 Prozent zu Buche, wie Trading-Treff vorrechnet, und die erste Jahreshälfte 2026 war mit drei aufeinanderfolgenden roten Quartalen die schwächste seit drei Jahren.
Auch relativ zum Gesamtmarkt fällt Ethereum zurück. Während Bitcoin sich nach dem Juni-Ausverkauf oberhalb von 60.000 US-Dollar stabilisieren konnte, notiert ETH laut Marktanalysen rund 34 Prozent unter seinem 200-Tage-Durchschnitt – ein Abstand, der das Ausmaß des Vertrauensverlusts illustriert. Kein wichtiger gleitender Durchschnitt stützt den Kurs derzeit von unten.
Glamsterdam: Das größte Upgrade seit The Merge
Die Ironie der Lage: Ausgerechnet in dieser Schwächephase steht die bedeutendste technische Überholung der Basisschicht seit The Merge bevor. Das Glamsterdam-Upgrade hat nach Berichten von wallstreetONLINE seine letzte Devnet-Phase erreicht und strebt die Mainnet-Aktivierung in der zweiten Jahreshälfte 2026 an; die Ethereum Foundation hat das dritte Quartal bestätigt. Die Ziele sind ambitioniert: eine Verdreifachung des Layer-1-Durchsatzes, eine 3,3-fache Erweiterung des Gas-Limits und perspektivisch bis zu 10.000 Transaktionen pro Sekunde direkt auf der Basisschicht.
Historisch haben große Netzwerk-Upgrades den Kurs oft schon Wochen vor der Aktivierung getrieben. Diesmal bleibt der Effekt aus. Das Upgrade erhält, wie Beobachter übereinstimmend feststellen, am Markt fast keine Aufmerksamkeit – die Kursfantasie kommt schlicht nicht an. Investoren handeln derzeit Makrorisiken, ETF-Flüsse und Geopolitik, nicht Roadmaps.
Sparkurs bei der Foundation, Verkäufe von Buterin
Zur schwachen Stimmung tragen auch Nachrichten aus dem Kern des Ökosystems bei. Die Ethereum Foundation hat nach übereinstimmenden Berichten 20 Prozent ihrer Belegschaft entlassen und ihr Budget um 40 Prozent gekürzt – ein Signal, das zwar als kaufmännische Vernunft gelesen werden kann, im aktuellen Umfeld aber vor allem Unsicherheit verstärkte. Zusätzlich belastete, dass Mitgründer Vitalik Buterin ETH im Wert von vielen Millionen Dollar verkaufte, was die ohnehin fragile Stimmung nach Einschätzung von Börse Global weiter drückte.
Auch strukturell steht Ethereum unter Druck. Schnellere Layer-1-Netzwerke wie Solana gewinnen Marktanteile, während die Netzwerkaktivität auf Ethereum im Wettbewerbsvergleich zurückgeht. Die Funding Rates im Derivatemarkt waren zuletzt negativ, das Open Interest ist eingebrochen – der Markt durchläuft eine klassische Leverage-Bereinigung, in der überhebelte Positionen abgebaut werden.
On-Chain-Daten erzählen eine andere Geschichte
Wer nur auf den Kurs schaut, übersieht allerdings ein bemerkenswertes Detail: Die tatsächliche Nutzung des Netzwerks bleibt robust. Rund 450.000 aktive Adressen verzeichnet die Blockchain nach Angaben von Trading-Treff derzeit täglich – das entspricht dem Niveau von Ende 2025, als der Kurs noch ein Vielfaches wert war. Die Aktivität auf der Chain bewegt sich damit auf Bullenmarkt-Niveau, während das soziale Interesse eingebrochen ist. Eine solche Divergenz zwischen Nutzung und Bewertung war in der Vergangenheit häufig ein Kennzeichen später Bärenmarktphasen.
Auf der institutionellen Seite ergibt sich ein gespaltenes Bild. Die US-Spot-Ether-ETFs verzeichneten in der letzten Juniwoche Abflüsse von 274 Millionen US-Dollar, ohne einen einzigen positiven Tag. Gleichzeitig kaufte die größte Ethereum-Treasury-Gesellschaft, BitMine Immersion Technologies, binnen 30 Tagen rund 283.000 ETH. Wie schon bei Bitcoin stehen sich also verkaufende ETF-Anleger und akkumulierende Großadressen gegenüber.
Die charttechnischen Schlüsselmarken
Charttechnisch hat sich ETH in der ersten Juliwoche zwischenzeitlich über 1.700 US-Dollar erholt und notierte zuletzt zwischen 1.730 und 1.770 US-Dollar; auf Euro-Basis meldete BTC-ECHO Kurse um 1.528 Euro. Entscheidend für die Ethereum-Prognose im Juli ist nach Einschätzung von wallstreetONLINE der Widerstand bei 1.865 US-Dollar: Erst ein Ausbruch darüber würde den neunmonatigen Abwärtstrend ernsthaft infrage stellen. Darüber wartet die psychologisch wichtige Zone um 2.000 US-Dollar, an der frühere Erholungen scheiterten.
Nach unten gilt der Bereich um die Juni-Tiefs als letzte wichtige Unterstützung, auf die der Abwärtstrend den Kurs bereits gedrückt hat. Ein nachhaltiger Bruch würde ein Kursniveau aktivieren, das seit Anfang 2023 nicht mehr gehandelt wurde – ein Szenario, das angesichts der intakten Netzwerknutzung fundamental schwer zu rechtfertigen wäre, in Panikphasen aber selten nach Fundamentaldaten fragt.
Institutionelle Brückenbauer
Mittelfristig arbeitet das Ökosystem daran, die Lücke zwischen Technologie und Kapitalmarkt zu schließen. CoinDesk berichtet über Ethereum Institutional, eine neue Non-Profit-Organisation, die Banken und Finanzinstitute gezielt über Ethereum aufklären und als Ansprechpartner der Wall Street dienen soll. Parallel wächst die Infrastruktur für Renditeprodukte: Aave etwa führte mit Stable Vaults ein Produkt ein, mit dem Wallets, Börsen und Zahlungs-Apps Erträge auf Stablecoin-Einlagen anbieten können – ein Baustein, der Ethereum als Abwicklungsschicht für Fintech-Anwendungen stärkt.
Solche Entwicklungen zahlen nicht kurzfristig auf den Kurs ein, sie adressieren aber das Kernproblem: Ethereum hat derzeit kein Technologie-, sondern ein Nachfrageproblem. Die Kapazität wächst mit Glamsterdam um ein Vielfaches – gebraucht wird nun Kapital, das diese Kapazität nutzt und bezahlt.
Ausblick: Asymmetrie mit offenem Zeitpunkt
Die Lage lässt sich nüchtern so zusammenfassen: Ein Netzwerk mit stabiler Nutzung, dem größten Upgrade seit Jahren und wachsender institutioneller Infrastruktur wird zu Preisen von Anfang 2023 gehandelt, weil ETF-Anleger verkaufen, die Foundation spart und der Makro-Gegenwind anhält. Wer an die langfristige Rolle von Ethereum als Abwicklungsschicht glaubt, findet hier eine asymmetrische Ausgangslage – mit dem Risiko, dass der Markt diese Sicht noch Monate ignoriert.
Kurzfristig entscheidet die Marke von 1.865 US-Dollar über die Richtung. Gelingt der Ausbruch im Umfeld der Glamsterdam-Aktivierung, wäre die erste Trendwende seit drei Quartalen greifbar. Scheitert er, bleibt ETH das, was es im ersten Halbjahr 2026 war: der große Underperformer unter den Blue-Chip-Kryptowährungen.